Co-Creation beginnt beim Kollegen

Von Dr. Eva Riedi Collen

Ob Co-Creation gelingt, hängt davon ab, ob Integration gelingt. Die technische Seite davon ist zur Genüge von der boomenden Software-Branche beleuchtet und entwickelt: Es geht zentral um Schnittstellen und Anschlussfähigkeit.

Die menschliche Seite

Auf der menschlichen Seite brauchen wir, wen wundert es, genau das Gleiche: Wir brauchen anschlussfähige Mitarbeitende, welche technik-affin und neugierig genug sind, um mit Arten von künstlicher Intelligenz zu interagieren. Zuerst jedoch und in erster Linie brauchen wir Menschen, die mit anderen Menschen kooperieren, kompatibel sind in Bezug auf Zielsetzung und Sprache. Wir brauchen Mitarbeitende, welche an den Schnittstellen der Zusammenarbeit vernetzt und unternehmerisch handeln, das übergeordnete Ziel fokussieren. Und dieses übergeordnete Ziel ist im Zeitalter automatisierter Produktion und digitalisierter Dienstleistung mehr als je zuvor: Der Kunde. Noch nie war Kundenausrichtung technisch derart umfassend möglich. Menschlich jedoch hinken wir hinterher.

Die optimale Nutzung digitaler Produkte und Services bedeutet nämlich die konsequente Ausrichtung am «du», am Gegenüber, ob Kollege, Mitarbeitende oder Kunde. Erst mit dieser Ausrichtung am Gegenüber wird das «co» möglich. Das Problem dabei: Das «du» fängt direkt da an, wo das eigene «ich» aufhört.

Wir alle sind Kinder des Individualismus und verstehen diesen nur so gern als Freibrief für ein selbstherrliches «ich». Diese Ego-Manie beisst sich entsprechend mit einer am «du» ausgerichteten Kundenzentrierung. Und genau hier menschelt es, denn je wichtiger ich mich selbst nehme, desto weniger wichtig kann das Gegenüber, der Kunde, der Mitarbeitende, der Kollege sein. Diese Realität begegnet uns täglich, privat und bei der Arbeit, in Form von «Recht haben und Recht behalten wollen». Damit einher geht die verstaubte Überzeugung, dass immer nur jemand gleichzeitig Recht haben kann, da die Welt aus genau zwei Dimensionen besteht, aus «richtig» und «falsch». Und so enden viele gut gemeinte Workshops und Sitzungen in Patt-Situationen oder Parallel-Vorschlägen aus Parallel-Welten, statt mit integrierten, marktfähigen Lösungen.

Die Zukunft gehört den Brückenbauern

Im Zeitalter von parallelen Welten, verschmolzenen Realitäten, Netzwerken und Transdisziplinarität auf solch reduzierte Kriterien zu setzen, macht schlichtweg keinen Sinn. Es wird sich gar als morsche Krücke herausstellen. Die Zukunft gehört den Brückenbauern, den Netzwerkern und co-worker. Die Zeit der egoistischen Spezialisten mit Fachspezifischen k.o.-Kriterien läuft ab. Das Spezialistentum hat uns technisch weit gebracht und gleichzeitig an die Grenzen bisheriger Zusammenarbeit: Solange wir in Silos mit Meins-Deins-Denken, mit Team-Budgets und Jahreszyklen zusammenarbeiten, bleibt die Ausrichtung am Kunden reines Lippenbekenntnis. Der nächste Schritt in der Zusammenarbeit muss deswegen heissen: co-work an übergeordneten Zielen und Projekten, am realen Kunden ausgerichtet, an zeitgemässen Zyklen angepasst.

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Was also tun mit der Co-Creation im Jahr 2017, auf dem Weg der Transformation von statischen Silo-Unternehmen aus der Industrie-Zeit zu agilen Unternehmen mit integrierter Zusammenarbeit?

  • small: Der Kunde hat nicht immer Recht, denn darum geht es nicht. Relevant ist einzig, was bei ihm ankommt, als seine ganz eigene Realität. Wir müssen diese verstehen, nicht bewerten. Das braucht neben den Algorithmen vor allem die Fähigkeit zur Empathie.
  • tall: Der erste Kunde ist stets der eigene Mitarbeitende, Kollege. Es gibt keinen glaubwürdigen co-Prozess nach aussen mit dem Kunden, wenn innen k.o.-Prinzipien herrschen innerhalb und zwischen Teams und Abteilungen.
  • large: Damit «co» funktioniert, braucht es primär co-kompetente Führungsmenschen, die sich selbst nicht zu wichtig nehmen und ihre Rolle nicht mit Rechthaberei verwechseln, sondern sich als lernwillige Gestalter mit Vision und Rückgrat verstehen.

Sich kontinuierlich weiterentwickeln

Die Zukunft ist kooperativ und konstruktiv - wenn wir es schaffen, unser Ego zu Gunsten des «du» weiter zu entwickeln, anschlussfähiger zu werden für andere Sichtweisen, Logiken und Realitäten. Übrigens eine weitere wichtige Kompetenz für das «co»: Sich kontinuierlich weiterentwickeln. Wir können unmöglich ständig kürzere Produkte-Zyklen entwickeln und bearbeiten, ohne uns dabei selbst ständig zu verändern, als Mitarbeitende und als Kunde – denn auch dies: Wir sind je länger je mehr untrennbar beides - zur gleichen Zeit.

 

Über die Autorin:

eva-riedi-collenDr. Eva Riedi Collen ist Geschäftsführende Inhaberin von coeco (www.coeco.ch)

 

 

 

 

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